Text von Jürgen Wolfstaedter in seinem Video "Rotenfels - Kunst & Natur - Diane Preyer"
September 2026
September 2026
Schwellenräume
Ich gehe gerne wandern. Nicht, weil der Weg mich irgendwohin bringt, sondern weil er mich zu einem bestimmten Punkt in mir selbst führt. Besonders dort, wo der Pfad aufhört, eine bloße Spazierstrecke zu sein, und die Natur ihre volle Wucht entfaltet – auf Abschnitten, die mit T6 die allerhöchste Stufe der Wanderskala markieren, wiegt jede Bewegung doppelt. T6 bedeutet absolute Aufmerksamkeit. Es ist ein Zustand, in dem man, schmerzend in den Beinen und körperlich erschöpft, an so etwas wie den Nullpunkt des eigenen Seins gelangt.
Doch genau in dieser physischen Extremsituation geschieht etwas Entscheidendes: Wenn der Geist in der tiefen Erschöpfung bei der Kunst verweilt, bleibt nur das übrig, was wirklich Substanz hat. Alles Überflüssige fällt von einem ab. Man streift den Alltagsballast ab und trägt die reinen, geklärten Gedanken mit hinunter ins Tal, um darauf aufzubauen.
Es ist ein Weg, der über das Physische direkt zur Kunst führt – nicht im isolierten, sterilen Rahmen eines White Cube, sondern in unmittelbarer Verbindung zum Leben selbst. Kunst ist keine getrennte, für sich stehende Masse. Sie entspringt dem Menschen und dringt ebenso tief wieder in ihn ein. Und es ist immer der Kontext, der die Dinge groß oder klein, schön oder hässlich, essenziell oder überflüssig erscheinen lässt. Je gewaltiger und uneingeschränkter dieser Kontext ist – wie hier, im Angesicht einer steilen Felswand und eines schier endlosen Horizonts –, desto schwerer hat es die Kunst, zu bestehen. Deshalb ist Kunst im öffentlichen Raum oder in der freien Natur immer eine weit größere Herausforderung als im geschützten, unabgelenkten Raum der Galerie. Hier muss sie sich behaupten. Und die Natur steht ihr dabei auf absoluter Augenhöhe gegenüber.
Wenn ich von dieser Wand auf die Bilder von Diane Preyer zu sprechen komme, sehe ich auf den ersten Blick in eine völlig andere Welt. Und doch ist die Fallhöhe ihrer Bilder dieser Wanderung erstaunlich ähnlich.
Seit vielen Jahren verfolge ich Dianes Arbeiten. Sie hat an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach studiert – und in ihren Bildern verbinden sich fernöstliche Formstrenge und europäische Romantik zu einer ganz eigenen, zeitlosen Sprache. Ihre in Öl gemalten Bilder besitzen eine Magie, die mich sofort erreicht. Darin liegt eine Stille, ein Alleinsein – doch ein Alleinsein, das guttut.
Vielleicht verwechseln wir zu oft Einsamkeit mit dem bloßen Alleinsein. Einsamkeit kann uns isolieren. Aber allein zu sein, kann etwas völlig anderes bedeuten: ein bewusster Rückzug aus der Welt, ein Innehalten, ein Raum, in dem wir uns selbst wieder begegnen. Genau das geschieht in Dianes Bildern. Sie lassen niemanden zurück, sondern schaffen einen geschützten Ort der Einkehr.
Seht euch diese Durchgänge an – von gotischen Spitzbögen bis hin zu Architekturformen aus dem Orient. Zwei mächtige, gewundene Pfeiler wachsen aus dem Dunkel nach oben und schließen sich zu einem Lanzettfenster. Es wirkt wie eine schwere, steinerne Pforte, zugleich organisch und lebendig. Die Schwelle bestimmt das Bild. Dahinter liegen Himmel und Meer, weit und offen.
Ein tiefes Schwarzbraun rahmt ein sattes Azurblau, das nach unten heller wird und ins Türkis übergeht, bis es auf eine feine Nebelbank am Horizont trifft. Das Meer liegt spiegelglatt und reglos im bläulichen Zwielicht. Die Komposition wirkt wie ein Blick aus einem geschützten Inneren hinaus in eine unendliche Weite. Dianes Landschaften sind keine Abbilder einer äußeren Wirklichkeit. Sie wirken wie Erinnerungen oder Träume – wie innere Bilder von etwas, nach dem wir uns tief in uns sehnen.
Man meint Puccinis berühmten, wortlosen Summ-Chor darin zu hören: Tiefste Nacht liegt über der Küste von Nagasaki. Butterfly steht an einem Fenster und blickt hinaus auf das dunkle Meer. Hinter der Bühne setzt dieser melancholische Chor ein, und das Licht verändert sich langsam – aus dem Schwarzblau der Nacht wird ein erstes bläuliches Zwielicht. Genau dieses Verharren zwischen Dunkelheit und Hoffnung findet sich in Dianes Arbeiten wieder. Wie in der Oper besitzt sie die Fähigkeit, seelische Zustände nicht nur zu erklären, sondern unmittelbar erfahrbar zu machen. Ihre Farben wirken wie tiefe, melancholische Akkorde; ihre Bilder erzählen Geschichten, ohne sie je aufdringlich auszuformulieren.
Während ich hier an der Wand unterwegs bin, auf der Suche nach dem richtigen Tritt und dem nächsten Griff, geht mir auf, wie nah mir diese Bilder gerade in diesem Moment sind. Auch hier im Fels suche ich nach Halt. Ich bin nie ganz sicher, ob der nächste Griff trägt oder ob die Wand hinter der nächsten Biegung überhaupt weiterführt.
Vielleicht liegt genau darin die tiefste Verbindung: Dianes Malereien sind Schwellenräume. Klassische Rahmenelemente lenken den Blick – ähnlich wie bei Caspar David Friedrich – hinaus ins Ungewisse. Zugleich geben sie dem Betrachter einen geschützten Ort, von dem aus dieser Blick überhaupt erst möglich wird. Die Leinwand wird zum Refugium.
Darin liegt ihre eigentliche Kraft: Sie gibt uns den Raum, vollkommen in die Stille einzutauchen – und in dieser Stille, ganz unerwartet, auch die eigentlichen Tiefen des Lebens zu spüren.